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Buchrezension: Thyssen im 20. Jahrhundert – Band 4: ‘Die Thyssens. Familie und Vermögen’, von Simone Derix, erschienen im Schöningh Verlag, Paderborn, 2016 (scroll down for english version)

Dieses Buch zu rezensieren ist für uns ein echtes Ärgernis, da so viele Stränge und Einzelheiten darin unserem bahn-brechenden Werk über die Thyssens entlehnt sind, welches ein Jahrzehnt zuvor erschien, Derix uns nichtsdestotrotz keine einzige Nennung gewährt. Es ist erstaunlich, dass sie nicht genug berufsethisches Gefühl aufbringt, unseren Beitrag zur Thyssenschen Geschichtsschreibung an zu erkennen; vor allem wo sie doch auf einer Konferenz 2009 ausdrücklich erklärt haben soll, dass nicht-akademische Betrachtungsweisen, denen gegenüber die Fachwelt häufig Unbehagen empfände (und Berührungsängste mit der Angst vor Statusverlust im Kampf um Deutungshoheit), einen immer größeren Raum einnehmen.

Frau Derix selbst ist natürlich nicht vom ängstlichen Typ, auch wenn sie ziemlich scheinheilig wirkt. Sie scheint vorauseilenden Gehorsam an den Tag zu legen und voller Hingabe, die Erwartungen ihrer vermutlich parteiischen Zahlmeister in Gestalt der Fritz Thyssen Stiftung erfüllen zu wollen. Leider ist sie offensichtlich auch nicht die vorausschauendste Person, da sie z.B. schreibt, Heinrich Lübke, Direktor der August Thyssen Bank (er starb 1962) sei später Bundespräsident Deutschlands gewesen (jener Heinrich Lübke war in dieser Position bis 1969).

Aber die intellektuellen Unzulänglichkeiten der Simone Derix sind weitaus gravierender als es simple Sachfehler wären, die ohnehin mindestens einem ihrer zwei langjährigen Mitarbeiter, drei Projektleiter, vier akademischen Mentoren und sechs wissenschaftlichen Mitarbeiter hätten auffallen müssen. Sie versucht uns allen Ernstes zu erzählen, dass die Erforschung der Lebenswelten von reichen Personen ein vollkommen neuer Zweig der akademischen Forschung sei, und dessen illustrer Pionier sie selbst. Weiss sie denn nicht, dass Geschichtsschreibung klassischerweise ausschließlich von Reichen, über Reiche und für Reiche getätigt wurde? Hat sie bereits vergessen, dass selbst einfachstes Lesen und Schreiben bis vor hundert fünfzig Jahren Privilegien der wenigen Mitglieder der oberen Schichten waren?

Gleichzeitig erscheint sie, im Gegensatz zu uns, keine persönlichen Erfahrungen mit außergewöhnlich reichen Menschen erworben zu haben. Ihre Förderung, während eines früheren Vorhabens, durch die finanzstarke Gerda Henkel Stiftung war vermutlich gleichermaßen auf Armeslänge. Reiche Leute verkehren nur mit reichen Leuten, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Derix sich irgendwie für ernst zu nehmende Kommentare über deren Lebensstil qualifiziert hätte, es sei denn, sie wurde für ihr vorliegendes Werk pro Wort bezahlt…

Was allerdings tatsächlich neu ist, ist dass der weg gefegte Feudalismus durch etablierte demokratische Gesellschaften ersetzt wurde, in denen Wissen allgemein zugänglich ist und die Gleichheit vor dem Gesetz Priorität hat. Ja, Derix hat Recht, wenn sie sagt, dass es schwierig ist, die Archive von Ultra-Reichen einzusehen. Diese wollen immer nur glorreiche Dinge über sich verbreiten und die Realitäten hinter ihrem überwältigenden Reichtum verbergen. Aber es ist grotesk so zu tun, als hätten die Thyssens jetzt auf einmal beschlossen, sich in Ehrlichkeit zu üben und offiziellen Historikern großzügig zu erlauben, ihre privatesten Dokumente zu sichten. Der einzige Grund, weshalb Simone Derix nunmehr einige kontroverse Fakten über die Thyssens publiziert, ist, dass wir diese bereits publiziert haben. Der Unterschied liegt darin, dass sie unsere Belege mit ausgesprochen positiven Termini neu umspannt, um dem allgemeinen Programm der Schadensbegrenzung dieser Serie gerecht zu werden.

Derix scheint zu glauben, auf diese Weise auf zwei Hochzeiten tanzen zu können; ein Balanceakt der dadurch drastisch erleichtert wird, dass sie bereits zu Anfang ihrer Studie jegliche Erwägungen bezüglich Ethik und Moral kategorisch ausschließt. Die Tatsache, dass die Thyssens ihre deutschen Firmen (inklusive derer, die Waffen produzierten und Zwangsarbeiter verwendeten) hinter internationalen Strohmännern tarnten (mit dem zusätzlichen Bonus der groß angelegten Umgehung deutscher Steuern) wird von Derix als irreführende Beschreibung dargestellt, welche “eine staatliche Perspektive impliziert” und angewandt wird, um “eine gewünschte Ordnung zu etablieren, nicht eine bereits gegebene Ordnung abzubilden”. Als ob “der Staat” eine Art hinterhältige Einheit sei, die bekämpft werden müsse, und nicht das gemeinschaftliche Unterstützungswesen für alle gleichgestellten, rechtstreuen Bürger, so wie wir Demokraten ihn verstehen.

Dies ist nur eine von vielen Äußerungen, die zu zeigen scheinen, wie sehr die möglicherweise als autoritär zu beschreibende Einstellung ihrer Sponsoren auf Derix abgefärbt hat. Die Tatsache, dass Akademiker, die bei öffentlich geförderten Universitäten angestellt sind, in solch einer Weise von den eigennützigen Institutionen Fritz Thyssen Stiftung, Stiftung zur Industriegeschichte Thyssen und ThyssenKrupp Konzern Archiv als Public Relations Vermittler missbraucht werden, ist äusserst fragwürdig; v.a. wenn man angeblich akademische Maßstäbe anlegt. Und vor allem wenn von diesen behauptet wird, sie seien unabhängig.

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In der Welt von Simone Derix werden die Thyssens immer noch (!) v.a. als „Opfer“, „(Steuer-)flüchtlinge“, als „enteignet“ und „entrechnet“ beschrieben; selbst wenn sie ein oder zwei Mal über 500 Seiten hinweg kurz zugeben muss, dass es ihnen in der “langfristigen Perspektive (…) gelungen zu sein (scheint), Vermögen stets zu sichern und für sich verfügbar halten zu können”.

Was ihre Beziehung zum Nationalsozialismus angeht, so nennt sie sie damit „verwoben“, „verquickt“, sagt, dass sie in ihm „präsent“ waren, in ihm „lebten“. Mit zwei oder drei Ausnahmen werden die Thyssens nie richtiger Weise als handelnde, profitierende, u.v.a. zum Bestand des Regimes beitragende Akteure beschrieben. Stattdessen wird die Schuld wiederum, genau wie in Band 2 („Zwangsarbeit bei Thyssen“), weitgehendst den Managern zugeschrieben. Dies ist für die Thyssens sehr praktisch, da die Familien dieser Männer nicht die Mittel haben, gleichwertige Gegendarstellungen zu publizieren, um ihre Lieben zu rehabilitieren.

Wenn Simone Derix jedoch davon spricht, dass „aus einer nationalstaatlichen Perspektive (…) diese Männer als Ganoven erscheinen (mussten)“, dann überschreitet sie bei Weitem die Grenzen der fairen Kommentierung. Die Ungeheuerlichkeit ihrer Behauptung verschlimmert sich dadurch, dass sie es unterlässt, Beweise beizufügen, so wie in unserem Buch geschehen, die zeigen, dass alliierte Ermittler klar aussprachen, dass sie die Thyssens selbst, nicht ihre Mitarbeiter, für die wahren Täter und Verdunkler hielten.

Und dennoch gibt Derix in ihrem Streben nach Thyssen Glanz vor, deutsche Größe, Ehre und Vaterlandsliebe zu beschwören. Immer wieder und auf bombastische Weise behauptet sie z.B., dass die Grablege / Gruft in Schloss Landsberg bei Mülheim-Kettwig „zukünftig die Präsenz der Familie und ihre Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet garantieren (würde)“, und dass es im Falle der Thyssens einen „(unauflösbaren) (…) Zusammenhang von Familie, Unternehmen, Region und Konfession“ gibt. Dabei stuft sie die Thyssens nicht, wie es richtig wäre, im Rahmen der Industriellen-Familien Krupp, Quandt, Siemens und Bosch ein, sondern zieht es vor, ihren Namen übertreibend mit denen der Herrscherhäuser Bismarck, Hohenzollern, Thurn und Taxis und Wittelsbach zu umgeben.

In Wirklichkeit wählten viele der Thyssen-Erben eine Abkehr von Deutschland und ein transnationales Leben im Ausland. Ihr Mausoleum ist noch nicht einmal öffentlich frei zugänglich. Im Gegensatz zu dem was Derix andeutet, ist der starke, symbolische Name, der so eine Anhänglichkeit in Deutschland hervorruft, einzig der der Aktiengesellschaft Thyssen (jetzt ThyssenKrupp AG), als einem der Hauptarbeitgeber im Land. Dies hat überhaupt nichts mit Respekt für die Abkömmlinge des herausragenden August Thyssen zu tun, die aufgrund ihrer gewählten Abwesenheit in ihrer Mehrzahl in Deutschland absolut unbekannt sind.

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In diesem Zusammenhang ist es bezeichnend, dass Simone Derix die Thyssens als „altreich“ sowie „arbeitende Reiche“ kategorisiert. Obwohl Friedrich Thyssen Anfang des 19. Jahrhunderts bereits ein Bankier war, so waren es doch erst seine Söhne August (75% Anteil) und Josef (25% Anteil), die ab 1871 (und mit den Profiten aus zwei Weltkriegen) durch ihre unermüdliche Arbeit, und die ihrer Arbeiter und Angestellten, das enorme Thyssen-Vermögen schufen. Ihresgleichen ward in den nachfolgenden Thyssen-Generationen nie wieder gesehen.

So wurden die Thyssens ultravermögend und spalteten sich komplett von der etablierten adelig-bürgerlischen Oberschicht ab. Sie können wirklich nicht als „altreich“ bezeichnet werden, und ihre Erben auch nicht, auch wenn diese alles in ihrer Macht taten, um sich die äußere Aufmachung der Aristokratie anzueignen. (Hier stellt sich die dringende Frage, wieso Band 6 der Serie ausgerechnet „Fritz und Heinrich Thyssen – Zwei Bürgerleben in der Öffentlichkeit betitelt wurde). Dies beinhaltete die Einheiratung in den ungarischen, zunehmend falschen Adel, wonach, so muss es sogar Derix zugeben, mit dem Anbruch der 1920er Jahre jeder fünfte Ungar behauptete, der Aristokratie des Landes anzugehören.

Die Linie der Bornemiszas, in die Heinrich einheiratete z.B. waren eben nicht das alte „Herrschergeschlecht“ der Bornemiszas, auch wenn Derix das immer noch so wiederholt. Die Thyssen-Bornemiszas hatten Verbindung zum niederländischen Königshaus, nicht weil Heinrich’s Frau Margit bei Hofe selbsternannt „besondere Beachtung“ fand, sondern weil Heinrich in jenem Land wichtige Geschäftsinteressen vertrat. Dadurch wurde Heinrich Thyssen zum Bankier für das niederländische Königshaus und ein persönlicher Bekannter seines Namensvettern Heinrich, des Prinzgemahls der Königin Wilhelmina.

Außer für solche wirtschaftlichen Beziehungen wollten weder der deutsche, noch der englische oder irgend ein anderer europäischer Adel in Wirklichkeit diese Aufsteiger in ihren engeren Reihen willkommen heissen (Religion spielte natürlich auch eine Rolle, denn die Thyssens waren und sind katholisch). Das heisst, bevor nicht gesellschaftliche Konventionen mit Beginn der 1930er Jahre sich weit genug geändert hatten und ihre Töchter in die tatsächlich alten ungarischen Dynastien der Batthyanys und Zichys einheiraten konnten.

Aber bis dahin ließen sich die Brüder, basierend auf ihrem hervorragenden Reichtum, nicht davon abhalten, sich viele der erhabenen Sphären selbst zu erschließen. Laut Derix verbrachte Fritz Thyssen Anfang des 20. Jahrhunderts sogar Zeit damit, Pferde aus England zu importieren, die englische Fuchsjagd in Deutschland einzuführen und sich eine Hundemeute zur Hetzjagd auf Hirsche zuzulegen. Weiterhin ließ er anscheinend den Trakt für Dienstpersonal seines neu gebauten Hauses in Mülheim niedriger halten, um die „Differenz und Distanz zwischen Herrschaft und Personal“ zu signalisieren.

Dies sind tatsächlich erstaunliche, neue Offenbarungen, die zeigen, dass das traditionelle Bild, welches die Thyssen Organisation bisher herausgab, nämlich das des „Bad Cop“ Fritz Thyssen (deutscher Industrieller, „temporärer“ Faschist), „Good Cop“ Heinrich Thyssen-Bornemisza (Ungar, „Adeliger“) sogar noch irreführender ist, als wir bisher angenommen hatten.

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Wirklich bedauernswert sind die Versuche von Derix, Fritz Thyssen als gläubigen Peacenik und Mitglied einer gemäßigten Partei darzustellen. Und genauso sind es ihre lang anhaltenden Verrenkungen, Heinrich Thyssen-Bornemisza als perfekt assimilierten, ungarischen Gutsherren zu portraitieren. Sie berichtet allerdings, dass Heinrich’s Frau erwähnt hatte, dass er kein Wort der Sprache beherrschte; was allerdings Felix de Taillez in Band 6 nicht davon abhält, zu behaupten, er habe Ungarisch gesprochen. „Wenn Sie sie nicht schlagen können, dann müssen Sie sie verwirren“ war eines von Heini Thyssen’s Mottos. Es ist offensichtlich auch das Motto dieser Thyssen-finanzierten Akademiker geworden.

Währenddessen ist das Buch von Derix das erste von der Thyssen Organisation unterstützte Werk, das bestätigt, dass Heinrich Thyssen-Bornemisza eben doch seine deutsche (damals preussische) Staatsangehörigkeit beibehielt. Derix traut sich sogar soweit hervor, zu sagen, dass die ungarische Staatsangehörigkeit „von Heinrich möglicherweise aus funktionalen Gründen gewählt“ worden war. Doch diese Perlen der Aufrichtigkeit werden unter den Springbrunnen ihrer überschwänglichen Propaganda rasch erstickt, die darauf abzielt, die Thyssens der zweiten Generation besser dastehen zu lassen, als sie waren. Dies erstreckt sich auch darauf, die Rolle des August Thyssen Junior von der des schwarzen Schafs der Familie auf die des engagierten Unternehmers um zu schreiben.

Andererseits unterlässt es die Autorin immer noch, irgendwelche unternehmerischen Details zum Leben des weitaus wichtigeren Heinrich Thyssen in England um die Jahrhundertwende zu liefern (Stichworte: Banking und Diplomatie). Wie genau machte die Familie die enge Bekanntschaft von Menschen wie Henry Mowbray Howard (britischer Verbindungsoffizier beim französischen Marineministerium) oder Guy L’Estrange Ewen (Sonderbotschafter der Britischen Monarchen)? Eine große Chance zur echten Transparenz wurde hier vergeudet.

Derix unterlässt es weiterhin, das Augenmerk darauf zu richten, dass die Familienzweige August Thyssen und Josef Thyssen sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelten. August’s Erben nützten Deutschland aus, verließen und verrieten es und waren ausgesprochen „neureich“, außer Heinrich’s Sohn Heini Thyssen-Bornemisza und dessen Sohn Georg Thyssen, die sich tatsächlich mit dem Management ihrer Firmen befassten.

Im Unterschied dazu verblieben Josef Thyssen’s Erben Hans Thyssen und Julius Thyssen in Deutschland (bzw. waren bereit dorthin aus der Schweiz zurück zu kehren, als in den 1930er Jahren Devisenbeschränkungen erlassen wurden), zahlten ihre Steuern, arbeiteten im Thyssen Konzern, bevor sie in den 1940er Jahren ihre Anteile verkauften, ihre Resourcen bündelten und berufliche Karrieren einschlugen. Nur Erben Josef Thyssen’s sind auf der Liste der 1001 reichsten Deutschen des Manager Magazins aufgeführt, aber aus unerklärten Gründen lässt Derix diese tatsächlich „arbeitenden reichen“ Thyssens in ihrer Studie weitgehenst unerwähnt.

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Glücklicherweise konzentriert Simone Derix nicht all ihre Kräfte auf schöpferische Erzählungen und Plagiarisierung, sondern bietet auch wenigstens einige politökonomische Fakten an. So legt sie offen, dass Heinrich Thyssen-Bornemisza bis 1933 ein Mitglied des Aufsichtsrats der Vereinigten Stahlwerke in Düsseldorf war, also bis nach Adolf Hitler’s Machtergreifung. Dies, in Kombination mit ihrer Aussage, dass sich Heinrich „bereits 1927/8 (von Scheveningen in den Niederlanden) dauerhaft nach Berlin orientiert zu haben (scheint)“ widerlegt eine der größten Thyssenschen Dienlichkeitslegenden, nämlich die, Heinrich Thyssen-Bornemisza habe ab 1932 seinen Hauptwohnsitz in der neutralen Schweiz gehabt (i.e. praktischerweise vor Hitler’s Machtergreifung); nachdem er „Deutschland noch rechtzeitig verlassen hatte“; obschon dies Derix nicht davon abhält, auch diese Täuschung danach gleichfalls noch zu wiederholen (- „Wenn Sie sie nicht schlagen können, dann müssen Sie sie verwirren“ -).

Tatsache ist, dass Heinrich Thyssen, obwohl er 1932 die Villa Favorita in Lugano (Schweiz) kaufte, weiterhin den Großteil seiner Zeit in verschiedenen Hotels verbrachte, v.a. aber in einer permanenten Hotelsuite in Berlin und ausserdem einen Wohnsitz in Holland beibehielt (wo Heini Thyssen fast allein, bis auf das Personal, aufwuchs). („Sein Tessiner Anwalt Roberto van Aken musste ihn 1936 daran erinnern, dass er immer noch nicht seine permanente Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz beantragt hatte. Erst im November 1937 wurden Heinrich Thyssen und seine Frau mit je einem Ausländerausweis der Schweiz ausgestattet“ – Die Thyssen-Dynastie, Seite 149).

Derix justiert auch den alten Thyssen Mythos neu, wonach Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza geschäftlich kurz nach ihrer Erbschaft von ihrem Vater, der 1926 starb, geschäftlich getrennte Wege gegangen seien. Wir haben stets gesagt, dass die beiden Brüder bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eng miteinander verbunden blieben. Und simsalabim plötzlich gibt Derix nunmehr an: „Bisher wird davon ausgegangen, dass die Separierung des Vermögens von Heinrich Thyssen-Bornemisza und Fritz Thyssen 1936 abgeschlossen war“. Sie fügt hinzu: „Trotz aller Versuche, die Anteile von Fritz Thyssen und Heinrich Thyssen-Bornemisza voneinander zu separieren, blieben die Vermögen von Fritz und Heinrich (vertraglich geregelt) bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg miteinander verschränkt“.

Aber es ist ihr folgender Satz, der am ärgerlichsten ist: „Außenstehende konnten diesen Zusammenhang offenbar nur schwer erkennen“. In Wahrheit war die Situation deshalb so undurchsichtig, weil die Thyssens und ihre Organisation erhebliche Anstrengungen unternahmen und alles ihnen Mögliche taten, um die Dinge zu verschleiern, v.a. da dies bedeutete, dass sie die gemeinsame Unterstützung des Naziregimes durch die Thyssen Brüder tarnen konnten.

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Unter der großen Anzahl der Berater der Thyssens stellt die Autorin insbesondere den Holländer Hendrik J Kouwenhoven vor, und zwar als die Hauptverbindung zwischen den beiden Brüdern Fritz und Heinrich. „Er tat Chancen auf und erdachte Konstruktionen“, so schreibt sie. Kouwenhoven arbeitete seit 1914 bei der Handels en Transport Maatschappij Vulcaan der Thyssens und danach bei ihrer Bank voor Handel en Scheepvaart (BVHS) in Rotterdam seit ihrer offiziellen Gründung 1918 bis zu seiner Entlassung durch Heinrich Thyssen-Bornemisza im zweiten Weltkrieg.

Vermögensverwaltungsgesellschaft und Trust Department der BVHS war das Rotterdamsch Trustees Kantoor (RTK), welches Derix als „Lagerstätte für das Finanzkapital der (Thyssen) Unternehmen wie für die privaten Gelder (der Thyssens)“ beschreibt. Sie sagt nicht, in welchem Jahr diese Gesellschaft gegründet wurde. Laut Derix wurden „das Gebäude der Vermögensverwaltung, der Heinrich Thyssen-Bornemisza alle wichtigen Papiere anvertraut hatte (…), am 14. Mai 1940 bei einem Luftangriff auf Rotterdam (…) vollständig zerstört“. Für uns klingt das wie eine höchst fragwürdige Information.

Über die Akten der BVHS sagt Derix knapp: „Von der BVHS ist kein geschlossener Quellenbestand erhalten“. Wie praktisch, insbesondere da niemand außerhalb der Thyssen Organisation jemals in der Lage sein wird, diese Aussage wahrhaft unabhängig zu überprüfen; zumindest nicht bevor der Schutzmantel des Professor Manfred Rasch, Leiter des ThyssenKrupp Konzern Archivs, sich in den Ruhestand verabschiedet.

Derix spielt auf die „frühe Internationalisierung des (Thyssen) Konzerns“ ab 1900 an, und rechnet ihre Kenntnisse über Rohstoffankäufe und den „Aufbau eines eigenen Handels- und Transportnetzes“ Jörg Lesczenski zu, der zwei Jahre nach uns publizierte, und dessen Buch ebenfalls, so wie das von Derix, durch die Fritz Thyssen Stiftung unterstützt wurde. Aber sie unterlässt Querverweise auf die ersten Steueroasen (inklusive der der Niederlande), die sich zum Ende des 19. Jahrhunderts hin entwickelten und überlässt diesen Bereich bequem zukünftiger Forschung, die „weitaus intensiver“ ausfallen müsse „als dies bislang vorliegt“.

Derix nennt die Transportkontor Vulkan GmbH Duisburg-Hamborn von 1906 mit ihrer Filiale in Rotterdam (siehe oben) und die Deutsch-Überseeische Handelsgesellschaft der Thyssenschen Werke mbH in Buenos Aires von 1913 (übrigens: bis zum heutigen Tage ist die ThyssenKrupp AG im großen Stil im Rohmaterialhandel aktiv). Sie schreibt auch, dass die US-Amerikanischen Kredite für den Thyssen Konzern 1919 via der Vulcaan Coal Company begannen (verschweigt jedoch, dass diese Firma in London angesiedelt war).

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Nach Angaben von Simone Derix begann August Thyssen 1919 damit, seine Anteile an den Thyssen Unternehmen an seine Söhne Fritz und Heinrich zu übertragen, zunächst die von Thyssen & Co. und ab 1921 die der August Thyssen Hütte. Sie fügt hinzu, dass „bestehende Thyssen Einrichtungen im Ausland für Tausch und Umschichtung von Beteiligungen“ genutzt wurden.

Ab 1920 kaufte Fritz Thyssen in Argentinien Land. Die Thyssensche Union Banking Corporation (UBC), 1924 im Harriman Building am Broadway, New York, gegründet, wird währenddessen allein in der Sprache der „transnationalen Dimension des Thyssenschen Finanzgeflechts“ beschrieben und als „die American branch“ der Bank voor Handel en Scheepvaart.

Wir hatten bereits in unserem Buch beschrieben, wie Heinrich Thyssen-Bornemisza, über Hendrik Kouwenhoven, in der Schweiz 1926 die Kaszony Stiftung institutierte, um seine ererbten Firmenanteile zu deponieren; und 1931 die Stiftung Sammlung Schloss Rohoncz, als Depot für seine Kunstgegenstände, die er ab 1928 als leicht bewegliche Kapitalanlagen kaufte. Jetzt schreibt Derix, dass letztere ebenfalls bereits 1926 gegründet worden sei. Dies ist estaunlich, da es bedeutet, dass dieses Finanzinstrument ganze zwei Jahre bevor Heinrich Thyssen das erste Gemälde kaufte, gegründet wurde, das seinen Weg in die Sammlung fand, die er „Sammlung Schloss Rohoncz“ nannte (obwohl keines der Bilder jemals auch nur in die Nähe seines ungarischen, dann österreichischen Schlosses fand, in dem er ab 1919 nicht mehr lebte).

Die Terminierung der Bildung dieses Offshore-Instruments zeigt einmal mehr wie gekünstelt Heinrich Thyssen’s Neuerfindung als „Kunstkenner und Sammler“ tatsächlich war.

Derix gibt sogar freimütig zu, dass die Thyssenschen Familienstiftungen als „Gegenspieler (…) von Staat und Regierung auftraten“. Jedoch versäumt sie es, genauso wie Johannes Gramlich in Band 3 („Die Thyssens als Kunstsammler“) die Logistik des Transfers von ca. 500 Bildern durch Heinrich Thyssen-Bornemisza in die Schweiz in den 1930er Jahren zu beschreiben, inklusive der Tatsache, dass dies eine Methode der großangelegten Kapitalflucht aus Deutschland heraus darstellte. Die assoziierten Themen der Steuerflucht und Steuerumgehung bleiben vollständig außerhalb ihres akademischen Radars, und sie lässt damit z.B. unsere dokumentierten Belege aus.

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In einer weiteren, wagemutigen Um-Schreibung der offiziellen Thyssen Historie erklärt die Autorin, dass die Thyssen Brüder in ihren Finanzangelegenheiten oft parallel agierten. Und so kam es, dass die Pelzer Stiftung und Faminta AG von Kouwenhoven für Fritz Thyssen’s Seite in der Schweiz gegründet wurden. (Derix bleibt vage bestreffs genauer Daten. Wir haben veröffentlicht: 1929 für Faminta AG und die späten 1930er Jahre für die Pelzer Stiftung).

Derix weist darauf hin, dass diese beiden Finanzinstrumente auch geheime Transaktionen zwischen den zwei Thyssen Brüdern erlaubten. Vage bleibend fügt sie hinzu, sie hätten auch „das Auslandsvermögen der August Thyssen Hütte vor einer möglichen Beschlagnahmung durch deutsche Behörden (gesichert)“. Dabei verschweigt sie jegliche Referenz betreffs Zeitskala, und demnach wann genau solch eine Beschlagnahmung im Raum getanden haben soll (gibt sie hier etwa zu verstehen, dass diese bereits vor Fritz Thyssen’s Flucht aus Deutschland im September 1939, also im Zeiraum 1929-1939 zu erwarten gewesen sein könnte?).

Gleichzeitig etablierten Fritz und Amelie Thyssen einen festen Standort in den 1920er Jahren im Süden des deutschen Reiches, und zwar in Bayern (weit weg vom Thyssenschen Kerngebiet der Ruhr), welchen Derix als „bisher von der Forschung wenig beachtet“ darstellt. Natürlich war dieser monarchistischste aller deutschen Staaten nicht nur nah an der Schweiz, sondern er war zu jener Zeit auch die Wiege der Nazi Bewegung. Auch Adolf Hitler zog München Berlin vor.

Alle Finanzinstrumente der Familie wurden währenddessen weiter durch die Rotterdamsch Trustees Kantoor in den Niederlanden verwaltet. Diese „neu geschaffenen Banken, Gesellschaften, Holdings und Stiftungen wurden über Beteiligungen mit den produzierenden Thyssenschen Unternehmen verknüpft“, so Derix weiter.

Diese Unternehmen usw. waren aber ebenso mit der aufsteigenden Nazi Bewegung verknüpft, so z.B. durch einen Kredit von ca. 350,000 Reichsmark, den ihre Bank voor Handel en Scheepvaart ca. 1930 der NSDAP gewährte, zu einer Zeit, als sowohl Fritz Thyssen als auch Heinrich Thyssen-Bornemisza beherrschende Anteile an der BVHS hatten.

Laut Derix war es im Jahr 1930, dass Heinrich Thyssen anfing, seine Anteile an den Vereinigten Stahlwerken an Fritz zu verkaufen, während Fritz seine holländischen Anteile an Heinrich verkaufte. In der Nachfolge war Heinrich Thyssen dann allein in Kontrolle der Bank voor Handel en Scheepvaart, und zwar von 1936 an.

Insbesondere war es eine Thyssen Firma mit Namen Holland-American Investment Corporation (HAIC), die Fritz Thyssen’s Kapitalflucht aus Deutschland ermöglichte. Laut Derix erwarb die Pelzer Stiftung „im Herbst 1933 von Fritz Aktien der HAIC und damit seine darin zusammengefassten niederländischen Beteiligungen. Dieses Geschäft geschah mit Zustimmung der deutschen Behörden, die von der HAIC wussten. Aber 1940 sahen die Deutschen, dass eine erhebliche Diskrepanz bestand zwischen 1,5 Millionen Reichsmark der niederländischen Beteiligungen in HAIC wie angegeben, und dem tatsächlichen Wert von 100 bis 130 Millionen RM.“

Dies ist überwältigend, da der heutige Wert dieser Summe bei vielen hundert Millionen Euros liegt!

Wenn man bedenkt, dass Heinrich’s Frau angab, dass er ca. 200 Millionen Schweizer Franken seines Vermögens in neutrale Länder gebracht hatte, dann würde dies bedeuten, dass die Thyssen Brüder es möglicherweise geschafft hatten, zusammen einen Gegenwert in Bar aus Deutschland abzuziehen, der fast dem gesamten Geldwert der Thyssen Unternehmen entsprach! Dies aber ist keine Schlussfolgerung, die Simone Derix zieht.

Man beginnt, sich zu wundern, was eigentlich zur Beschlagnahmung übrig gewesen sein soll, nachdem Fritz Thyssen bei Kriegsbeginn 1939 Deutschland verließ. Derix räumt ein, dass seine Flucht nicht zuletzt deshalb stattfand, weil er seine eigennützigen Finanztransaktionen lieber von der sicheren Schweiz aus, mit Hilfe des Heinrich Blass bei der Schweizerischen Kreditanstalt in Zurich, vervollständigen wollte.

Obwohl wir einige Hinweise auf Summen herausarbeiten konnten, so hatten wir doch keine Ahnung, dass das Gesamtausmaß der Kapitalflucht durch die Gebrüder Thyssen so dramatisch war. Dass Simone Derix diesen Punkt im Namen der Thyssen Organisation anspricht ist beachtenswert; selbst wenn sie es unterlässt, die angemessenen Schlussfolgerungen zu ziehen – möglicherweise da diese ihrem „Blue-Sky“ Auftrag zuwiderlaufen würden.

Fürwahr und in den Worten des weitaus erfahreneren Harald Wixforth steht für diese „Großkapitalist(en) (…) tatsächlich (…) das Profitinteresse des Unternehmens immer über dem Volkswohl“.

Es versteht sich von selbst, dass wir die Bände von Harald Wixforth und Boris Gehlen über die Thyssen Bornemisza Gruppe 1919-1932 und 1932-1947 mit Interesse erwarten.

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In diesem korrigierten offiziellen Licht überrascht Derix’s Zugeständnis, dass Fritz und Amelie Thyssen’s „Enteignung (…) jedoch nicht unmittelbar mit einer Einschränkung der Lebensführung verbunden (war)“ nun wirklich überhaupt nicht mehr.

Die Autorin gibt auch zum ersten Mal offizielle Abreisedaten für Fritz Thyssen’s Tochter Anita, ihren Ehemann Gabor und ihren Sohn Federico Zichy nach Argentinien bekannt. So fuhren sie anscheinend am 17.02.1940 an Bord des Schiffs Conte Grande von Genua in Richtung Buenos Aires. Um sie mit der standesgemäßen finanziellen Rückendeckung auszustatten waren kurz zuvor Anteile der Faminta AG in den Übersee-Trust Vaduz transferiert worden, dessen einzige Begünstigte Anita Zichy-Thyssen war, die die ungarische Staatsbürgerschaft besaß.

Derix schreibt sodann, dass Fritz Thyssen im April 1940 „sein politisches Wissen über das Deutsche Reich und die deutsche Rüstungsindustrie als ein Gut (einbrachte), das er im Tausch gegen die Unterstützung seiner Anliegen anbieten konnte“. Was aber genau waren diese Anliegen? Der hochmütig wahnhafte Fritz glaubte offensichtlich, dass er Hitler genauso einfach loswerden könne, wie er ihm einstmals zur Macht verholfen hatte. Dafür war er bereit, deutsche Staatsgeheimnisse mit dem französischen Außenminister Alexis Leger und dem Rüstungsminister Raoul Dautry in Paris zu teilen. Aber für Derix ist dieses Verhalten keinesfalls etwas Strittiges wie z.B. aktiver Landesverrat oder ein Ausdruck der Macht, sondern nichts weiter als das legitime Recht eines Ultra-Reichen, die Wahlmöglichkeiten seines gehobenen Lebensstils auszudrücken.

Während alle vorangegangene Thyssen Biografen, mit Ausnahme von uns, behauptet haben, die Thyssens hätten unausprechliche „Qualen“ während ihrer Inkarzeration in Konzentrationslagern erlebt, bestätigt Derix nunmehr unsere Information, dass sie die meiste Zeit ihrer Inhaftierung in Deutschland im bequemen, privaten Sanatorium des Dr Sinn in Berlin-Neubabelsberg verbrachten. Derix schreibt, sie seien dort „auf Befehl des Führers“ und „auf Ehrenwort“ gewesen. Dabei gab Fritz und Heinrich’s persönlicher Freund Hermann Göring während seiner alliierten Befragungen nach dem Krieg an, er habe diese privilegierte Behandlung initiiert. Nach Neubabelsberg wurden sie in verschiedene Konzentrationslager gebracht, aber Derix ist nunmehr gezwungen einzugestehen, dass sie sich jeweils eines Sonderstatuses erfreuten, der „an allen Aufenthaltsorten belegbar“ sei. Was die Frage aufwirft, warum deutsche Historiker es in der Vergangenheit für nötig erachtet haben, diese Fakten falsch darzustellen.

Derix’s Liste der alliierten Befragungen des Fritz Thyssen nach dem Krieg ist besonders bemerkenswert. Sie illustriert, mit welchem Ernst er der, wenn auch Unternehmens-bedingten, Kriegsverbrechen beschuldigt wurde; genug um ihn mit Inhaftierung zu bestrafen:

Im Juli 1945 wurde er ins Schloss Kransberg nahe Bad Nauheim gebracht, und zwar zum sogenannten Dustbin Zentrum für Wissenschaftler und Industrielle der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte. Im August kam er nach Kornwestheim, und im September zum 7th Army Interrogation Center in Augsburg.

Derix erwähnt auch vage, Fritz Thyssen sei irgendwann 1945 durch Robert Kempner, Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen, befragt worden.

Thyssen erlitt einen Kollaps und musste sich in ärztliche Behandlung begeben. Er wurde ins US Gefangenenlager Seckenheim gebracht, danach nach Oberursel. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich. Von April bis November 1946 war er in verschiedenen Krankenhäuser und Kuranstalten zwischen Königstein (wo er eine unerwartete Besserung erlebte) und Oberursel. Ab November 1946 war Fritz Thyssen als Zeuge bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen (man nimmt an, in den Fällen von Alfried Krupp und Friedrich Flick) geladen, während er weiterhin ständig Krankenhausbehandlungen erhielt, diesmal in Fürth.

Am 15.01.1947 wurde Fritz Thyssen entlassen und vereinigte sich wieder mit seiner Frau Amelie in Bad Wiessee. Danach kam sein deutscher Entnazifizierungsprozess in Königstein, wo er und Amelie im Sanatorium des Dr Amelung wohnten. In diesem Gericht, wie es seinem unaufrichtigen Charakter entsprach, gab Fritz Thyssen an, keinen Heller zu besitzen.

Währenddessen, so Derix, trat Anita Zichy-Thyssen mit Edmund Stinnes in Kontakt, der in den USA lebte, und mit dessen Schwager Gero von Schulze-Gaevernitz, einem engen Mitarbeiter des US Geheimdienstchefs Allen Dulles. Im Frühjahr 1947 traf sie sich, um „eine Ausreisegenehmigung ihrer Eltern nach Amerika zu erwirken“, mit dem früheren US-Senator Burton K Wheeler in Argentinien, der 1948 nach Deutschland reiste „um Fritz Thyssen aus seinen Denazifizierungsschwierigkeiten zu helfen“. Dies ist sicherlich ein Aspekt einer Einflussnahme auf höchster Ebene, die wir mit weitaus größeren Einzelheiten in unserem Buch präsentiert haben, die aber Johannes Bähr in seinem Band 5 der Serie („Thyssen in der Adenauerzeit“) erstaunlicherweise vollkommen unterschlägt.

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Ein anderer Thyssen, der Probleme mit seiner Entnazifizierung gehabt haben sollte, dies aber nicht tat, war Heinrich’s Sohn Stephan Thyssen-Bornemisza.

Während sein Bruder Heini Thyssen im Deutschen Realgymnasium in Den Haag erzogen wurde, war Stephan auf das Internat Lyceum Alpinum in Zuoz, Schweiz, gegangen, wo die meisten Schüler aus der deutsch-sprachigen Schweiz, den Niederlanden und dem deutschen Reich stammten, bzw. Auslandsdeutsche waren. Demnach gab es in diesem Internat drei Schülerhäuser, mit den Namen „Teutonia“, „Orania“ und „Helvetia“. Nachdem er in Zurich und am Massachusetts Institute of Technology studiert hatte wurde er Assistent in einem Forschungslabor der Shell Petroleum Company in St. Louis. Dann schrieb er an der Universität Budapest seine Doktorarbeit und begann in der Lagerstättenforschung zu arbeiten.

Ab 1932, während er in Hannover lebte, arbeitete Stephan für die Seismos GmbH, eine Firma, die sich mit der Suche nach Bodenschätzen befasste. Sie wurde 1921 durch die Deutsch-Lux, Phoenix, Hoesch, Rheinstahl und die Gelsenkirchener Bergwerks AG gegründet. Derix schreibt: „Ab 1927 war die Gelsenkirchener Bergwerks AG, die wiederum zur 1926 gegründeten Vereinigte Stahlwerke AG gehörte, mit 50 Prozent der Anteile der Haupteigner des Unternehmens. Damit fiel Seismos unter Fritz Thyssens Teil des familialen Erbes. (…) In den 1920er Jahren waren die Messtrupps der Seismos für Ölfirmen wie Royal Dutch Shell oder Roxana Petroleum in Texas, Louisiana und Mexiko auf der Suche nach Öl. (…) Ihr Aktionsradius (weitete) sich auch auf den Nahen Osten, Südeuropa und England aus“.

1937 kaufte Heinrich Thyssen die Seismos für 1.5 Millionen Reichsmark und gliederte sie seinen Thyssenschen Gas- und Wasserwerken an. Während des Krieges, so Derix, war die Firma „an der Erschließung der Rohstoffe in den besetzten Gebieten beteiligt. (…) Beim Verlassen der Ostukraine im Zuge der Panzerschlacht von Kursk 1943 (musste sie) zahlreiches Gerät (…) zurücklassen“.

Hier liegt also einiges an Bedeutung vor für eine Firma, von der bisherige offizielle Thyssen Historien, wenn überhaupt, wenig Relevantes zu berichten hatten.

Und einiges an Bedeutung auch für den verschwiegenen Heinrich Thyssen-Bornemisza, dessen Sohn Heini Thyssen kurz nach Kriegsende seinen Schweizer Rechtsanwalt Roberto van Aken zu folgender Falschaussage gegenüber der US amerikanischen Visabehörde veranlasste: „Seit dem Aufstieg der Nazis an die Macht, insbesondere seit 1938, waren Dr Heinrich Thyssen-Bornemiszas niederländische Unternehmen angehalten, die Aufrüstungsbestrebungen der Nazis zu unterlaufen.“ (Die Thyssen-Dynastie, Seite 265)

Es ist fast in diesem gleichen, verschleiernden Geiste, dass Derix immer noch die Tatsache verbirgt, dass Seismos während des Kriegs sein Hauptquartier von Hannover in den Harz verlegte, wo das Nazi Programm der Massenvernichtungswaffen (V-Waffen) sein Zentrum finden sollte.

Derix deckt auf, dass Stephan ein Mitglied des NS-Fliegerkorps war und bestätigt seine Rolle als förderndes Mitglied der SS. Seine politische Haltung war anscheinend als „ohne jeden Zweifel“ beschrieben worden. Doch bringt es Derix nicht fertig, seine Involvierung in eine weitere Firma, nämlich die Maschinen- und Apparatebau AG (MABAG) Nordhausen auch nur zu erwähnen, geschweige denn dabei ins Detail zu gehen, die ebenfalls im Harz ansässig war.

Wir hatten bereits herausgefunden, dass Stephan Thyssen in den ersten Kriegsjahren Aufsichtsratsvorsitzender der MABAG geworden war. Diese Firma hatte, zusammen mit der IG Farben, „die Anlage eines ausgedehnten Höhlen- und Tunnelsystems im Kohnstein, einem Berg bei Nordhausen (begonnen), ausgestattet mit Tanks und Pumpen (…) Ab Februar 1942 empfahl Reichminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer, den Bau von Raketen mit allen Mitteln zu unterstützen. Das war ein extrem ehrgeiziger Waffenherstellungsplan und bedeutete erheblich mehr Aufträge für die MABAG, die unter Aufsicht der Wehrmacht jetzt auch Turbopumpen für die V-Waffen produzierte“. (Die Thyssen Dynastie, S. 203).

Wir hatten angenommen, dass Stephan’s Position als Vorsitzender der MABAG mit einer größeren Investition seitens seines Vaters zusammengehangen haben muss. Simone Derix spricht das Thema überhaupt nicht an, aber der Rechtsanwalt und Historiker Frank Baranowski hat ein sehr wichtiges Dokument gefunden und erklärt auf seiner Webseite:

„1940 stieß der Deutsche Erdöl-Konzern nach einem Wechsel an der Spitze alle seine Werke, die nicht direkt in den Rahmen der Mineralöl- und Kohlegewinnung passten ab, darunter auch die MABAG. Von der Deutschen Bank vermittelt, ging das Aktienkapital von einer Million RM in verschiedene Hände über. Die Mehrheit erwarb Rechtsanwalt und Notar Paul Langkopf aus Hannover (590.000 RM), und zwar vermutlich im Auftrag eines Mandanten, der ungenannt bleiben wollte. Kleinere Anteile hielten die beiden Außenstellen der Deutsche Bank in Leipzig (158.000 RM) und Nordhausen (14.000 RM) sowie Stephan Baron von Thyssen-Bornemisza in Hannover (50.000 RM). Am 14. September 1940 wählte die MABAG ihren neuen Aufsichtsrat: (…) Direktor Schirner (…), Paul Langkopf, Stephan Baron von Thyssen-Bornemisza und der Leipziger Bankdirektor Gustav Köllman (…) (Die MABAG sah sich ……..als reiner Rüstungslieferant und produzierte…… u.a. Granaten, Granatwerker …………und Turbopumpen für die A4-Raketen).“

Wie durch Zufall ist Paul Langkopf nun ausgerechnet ein Mann, dessen Dienste verschiedene Mitglieder der Familie über die Jahre in Anspruch genommen hatten. Es kann davon ausgegangen werden, dass der „anonyme“ Aktionär Stephans Vater Heinrich Thyssen-Bornemisza war. Die Geheimhaltung der Transaktion entspricht komplett seinem Stil. Und während Baranowskis Ansichten über die Verwendung von Zwangsarbeitern bei der MABAG und unsere auseinander gehen, so ist dieses von ihm erschlossenen Dokument doch ein weiterer Hinweis dafür, dass Heinrich während des Krieges definitiv 100% pro-Nazi war; während er sich anscheinend aus der Welt verabschiedet hatte und weit weg in seinem sicheren, Schweizer Hafen weilte, so wirkend, als hätte er mit gar nichts etwas zu tun.

Die große Simone Derix zieht es während dessen vor, sich auf relativ Triviales zu konzentrieren, so wie die Tatsache dass Stephan’s Mutter Margit ebenfalls, mit ihrem zweiten Mann, dem „germanophilen“, „antisemitischen“ Janos Wettstein von Westersheimb (der nach der Kriegswende 1943 seinen Job bei der Ungarischen Botschaft in Bern plötzlich verlor) während des Kriegs in der Schweiz lebte. Anscheinend hat sie sich nach dem Krieg für Stephans Ausreise aus Deutschland eingesetzt, und zwar bei keinem Geringeren als Heinrich Rothmund, der während des Kriegs für weite Teile der anti-jüdischen Asylpolitik der Schweiz verantwortlich war.

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Schließlich bearbeitet Simone Derix noch zwei Themen in ihrem Buch – die wir auch behandelt haben, wenn auch zu einem verschiedenen Grad -; nämlich 1.) Die Golddeponierung der Thyssens in London vor dem Krieg und was damit während bzw. nach dem Krieg geschah und 2.) Die Entfernung der Thyssenschen und niederländisch königlichen Aktienzertifikate aus der Bank voor Handel en Scheepvaart in Rotterdam, deren Unterbringung in der August Thyssen Bank in Berlin während des Krieges und ihre Rückführung nach Rotterdam nach dem Krieg, in einer illegalen Aktion durch eine Niederländischen Militärmission unter der Tarnbezeichung „Operation Juliana“. Wir werden diese Themen angemessener bei unseren Besprechungen der Bände von Jan Schleusener, Harald Wixforth und Boris Gehlen analysieren.

In beiden Fällen spielten Mitglieder und Mitarbeiter der Thyssen Familie fragwürdige Rollen, indem sie ihre hochrangigen (diplomatischen und anderweitigen) Positionen ausnutzten, um es den Thyssens zu ermöglichen, in ihrer Gier nach grenzenlosem persönlichen Vorteil, eine Gastnation gegen die andere auszuspielen. Simone Derix führt ihre kritische Analyse hier nur so weit, dass sie sagt, diese Einmischungen hätten es kleineren Staaten wie den Niederlanden oder der Schweiz erlaubt, Siegermächte des zweiten Weltkriegs unter Druck zu setzen, um ihre eigenen nationalen Interessen am Vermögen der Thyssens zu wahren.

Während unser Buch ein mögliches „Handbuch der Revolution“ genannt worden ist, beschreibt Derix ihres als Model, bei dem „Die Thyssens (…) den Weg (…) für zentrale Suchrichtungen einer (…) Geschichte der Infrastruktur des Reichtums (weisen können)“. Sie lässt die Antriebskraft des „Neids“ à la Ralf Dahrendorf anklingen, während sie das Konzept der „Wut“ der Öffentlichkeit an der ständigen Inanspruchnahme rechtlicher Immunität durch die Super-Reichen außer Acht lässt, wie sie z.B. von Tom Wohlfahrt beschrieben worden ist.

Simone Derix’s Schreibstil ist sehr klar und während der Lesung im Historischen Kolleg in München verwandelte die sonore Stimme der speziell engagierten Sprecherin des Bayerischen Rundfunks, Passagen zu anscheinend tief in Rechtschaffenheit eingelegter Literatur. Aber diese Akademikerin, die von Professor Margit Szöllösi-Janze dem Publikum als „Spitzenforscherin“ angepriesen wurde, gibt sich selbst definitiv mehr Autorität darin, historische Urteile zu fällen, als es ihr gegenwärtig zusteht.

Während des nachfolgenden Podiumsgesprächs mit dem Historiker und Journalisten Dr Joachim Käppner von der Süddeutschen Zeitung, wies Derix die Konzepte von Macht und Schuld im Namen der Thyssens kategorisch zurück. Während sie dies tat, musste sie allerdings wiederholt durch Käppner vorangeleitet werden, um ihre äusserst stockenden Antworten zu fokussieren, die, nichtsdestotrotz, den Anschein gaben, vorher abgesprochen worden zu sein.

Wir hoffen, dass Simone Derix nicht die einzige Mitwirkende der Serie bleibt, die Antworten zu diesen Fragen formuliert – Aber dann vielleicht mit mehr Aufrichtigkeit, wenn nicht größerer Unabhängigkeit von der möglicherweise befangenen Fritz Thyssen Stiftung.

Fritz Thyssen und Hermann Göring in Essen, copyright Stiftung Ruhr Museum Essen, Fotoarchiv

Heinrich Thyssen-Bornemisza und Hermann Göring beim Deutschen Derby, 1936, copyright Archiv David R L Litchfield

Batthyany-Clan, ca. 1930er Jahre, dritter von links Ivan Batthyany, Ehemann von Margit Thyssen-Bornemisza, copyright Archiv David R L Litchfield

Hendrik J. Kouwenhoven, Bevollmächtigter für Heinrich Thyssen-Bornemisza, copyright Stadsarchief Rotterdam

Drei Thyssen Brüder vereint: von links Heinrich Thyssen-Bornemisza, August Thyssen Junior, Fritz Thyssen, Villa Favorita, Lugano, September 1938, copyright Archiv David R L Litchfield

 

Stephan Thyssen-Bornemisza mit Ehefrau Ingeborg, Hannover, ca. 1940er Jahre (Foto Alice Prestel-Hofmann, Hannover), copyright Archiv David R L Litchfield

Thyssen Bank voor Handel en Scheepvaart Rotterdam, Jahresbericht 1930, copyright Archiv David R L Litchfield

Thyssen Bank voor Handel en Scheepvaart Rotterdam, Aufsichtsrat und Verwaltungsrat 1929, copyright Archiv David R L Litchfield

Thyssen Bank voor Handel en Scheepvaart Rotterdam, Schalterraum, copyright Archiv David R L Litchfield

Thyssen Bank voor Handel en Scheepvaart Rotterdam, 1929, Empfangsraum, copyright Archiv David R L Litchfield

Thyssen Bank voor Handel en Scheepvaart Rotterdam, 1929, Stahlkammern, copyright Archiv David R L Litchfield

 

 

 

 

 

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Gibt es wirklich eine neue Thyssen Bescheidenheit am Horizont?

Es ist fast ein Jahrzehnt her, seitdem unser kontroverses Buch mit 500 Seiten über Thyssen erschien („Die Thyssen-Dynastie. Die Wahrheit hinter dem Mythos“), welches eine umfangreiche offizielle Antwort in Gang setzte, deren Logik manchmal schwer zu verstehen ist; es sei denn als Beteuerung der akademischen Glaubwürdigkeit der Fritz Thyssen Stiftung oder zur Beschwichtigung der Schuld der Thyssen Familie.

For zwei Jahren begann die Fritz Thyssen Stiftung, mit Zustimmung ihres Kuratorium-Mitglieds Georg Thyssen-Bornemisza und der Unterstützung des ThyssenKrupp AG Konzern Archivs, endlich mit der Freigabe einer Serie von zehn Büchern (mit insgesamt mindestens 5,000 Seiten!) unter dem Titel „Familie – Unternehmen – Öffentlichkeit. Thyssen im 20. Jahrhundert“. Bisher sind drei Bücher erschienen (zwei davon waren Doktorarbeiten) und von uns rezensiert worden: Donges über die Vereinigten Stahlwerke, Urban über Zwangsarbeit und Gramlich über Kunst.

Dann wurde im November 2015, ausserhalb der chronologischen Abfolge, Band 5, „Thyssen in der Adenauerzeit. Konzernbildung und Familienkapitalismus“ herausgegeben. Der Status des Autors, Professor Johannes Bähr, sein bisheriges Werk und seine angebliche Verpflichtung zur Transparenz in der zeitgeschichtlichen Auftragsforschung hatten Hoffnungen auf eine wirklich kritische Analyse der Art und Weise aufkommen lassen, wie diese Familie, die eine der größten Kriegsgewinnler und Unterstützer Hitlers war, nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ihre Macht zurück gewinnen konnte.

Leider spiegelt die fast Disney-artige und doch hochmütige Oberflächlichkeit des Buches wieder einmal die Stempelmarke eines vom Unternehmen authorisierten Werks allzu offensichtlich wider. Wir werden daher unsere Rezension bis zum Ende der Serie verschieben, nicht zuletzt da ca. 2017 (?) ein weiterer Band erscheinen soll, der sich mit der „Konfiszierung“ von Fritz Thyssens Vermögen während und dessen Rückerstattung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander setzt. Ohne diesen lässt sich Band 5 nicht wirklich rezensieren, angenommen es interessiert sich bis dahin überhaupt noch irgend jemand dafür.

Die weiteren Bände der Serie, die noch ausstehen sind auf der einen Seite Simone Derix, „Die Thyssens. Familie und Vermögen“ und Felix de Taillez, „Fritz und Heinrich Thyssen. Zwei Bürgerleben für die Öffentlichkeit“ (beide angekündigt für Juni 2016), wobei letzteres allein schon im Titel eine unglaubliche Kehrtwende signalisiert für eine Organisation, die es bisher ausließ, eine seriöse Darstellung von Heinrich Thyssen-Bornemisza zuzulassen, der dunkelsten Persönlichkeit in der Familie, der die engsten Verbindungen – nicht zuletzt durch Bankenaktivitäten – mit dem verbrecherischen Nazi-Regime hatte.

Und schlussendlich handelt es sich noch um vier Werke, deren Erscheinungsdatum bisher unklar ist, nämlich: Jan Schleusener über die „Konfiszierung“ und Rückerstattung von Fritz Thyssens Vermögen; Harald Wixforth über die Thyssen Bornemisza Gruppe 1919-1932; Boris Gehlen über die Thyssen Bornemisza Gruppe 1932-1947; und Hans Günter Hockerts über die Geschichte der Fritz Thyssen Stiftung.

Fast parallel dazu hat sich ThyssenKrupp (oder thyssenkrupp, wie es sich jetzt mit seinem neuen, filigranen Logo nennt) unter Heinrich Hiesinger einer großen Kampagne des Imagewechsels unterworfen. Hiesinger kämpft seit seiner Übernahme als Vorstand 2011 an mehreren Fronten gegen riesige Verluste aus früherem Mismanagement und Korruptionsskandalen, sowie den Folgen des rapiden Verfalls der europäischen Stahlindustrie.

Hiesinger’s Programm aus Rationalisierung und Transparenz ist von Martin Wocher im Handelsblatt als “neue Bescheidenheit der Ruhrbarone“ beschrieben worden (von denen es natürlich eigentlich schon lang gar keine mehr gab) und von Bernd Ziesemer in Capital als einen „verordneten Kultur- und Mentalitätswandel“, der es thyssenkrupp ermöglicht, aus der „Tradition der Korruption in der Stahlbranche“ auszuscheren.

Aber wie glaubwürdig und erfolgreich kann solch ein Kampf um das Aufpolieren des angeschlagenen Images von thyssenkrupp vor dem Hintergrund einer anhaltenden Intransparenz der Geschichtsschreibung des Unternehmens wirklich sein?

Fast als wollte sie die Widersprüchlichkeiten der Situation illustrieren ließ sich diesen Monat Francesca Habsburg, geborene Thyssen-Bornemisza, Enkelin von Heinrich, im Deutschen Fernsehen (“ZDF Hallo Deutschland Mondän: Wien”) als „schwer-reiche Thyssen-Erbin“ darstellen, „die kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht“. Als solche attackierte sie den österreichischen Staat als “heuchlerisch”, weil er den Namen Habsburg für den Tourismus ausnutze, sich jedoch weigere, ihre Kunstausstellungsaktivitäten mit Steuergeldern zu finanzieren. Dann setzte sie den Namen ihres Mannes herunter (und zwar durchwegs auf Englisch, nicht auf Deutsch!):

„Der Name Habsburg hat mich nicht beeindruckt. Ich war von ihm nicht überwältigt. Was mich beeindruckt hat, war mein Schwiegervater, und wie er die Familie zusammen gehalten hat. Ich glaube, die Familie hat erkannt, dass ich die Geschichte der Familie akzeptiert habe und dass sie durch mich eine komfortable [offensichtlich meinte sie finanziell komfortable] Zukunft hat“. (alle Zitate ungefähr aus der Erinnerung).

Aber natürlich ist es nicht die Geschichte der Habsburger, die Schwierigkeiten bereitet. Es ist die Geschichte ihrer eigenen, der Thyssen Familie und ihrer industriellen und Bankgeschäftsaktivitäten, aus denen sich ihr Vermögen herleitet, mit der sich Francesca Thyssen aus Demut tatsächlich einmal befassen sollte.

Thyssen ohne Stahl. Ein Symbol schwindender Unternehmensidentität.

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Book Review: Thyssen in the 20th century – Volume 1: „The United Steelworks under National Socialism, Concern Politics between Market Economy and State Economy“, by Alexander Donges, published by Schöningh Verlag, Germany, 2014.

This book begins with the author expressing his „astonishment“ at the fact that the entrepreneurial, Nazi period history of the United Steelworks (Vereinigte Stahlwerke, VSt) – a conglomerate which included Thyssen works – has not so far been properly researched by academia. Obviously, the independent scholarly information contained in our book has not been considered worthy of acknowledgment, regardless of the fact that it was as a direct result of its publication that Dr Donges and his fellow academic authors have been commissioned and funded to rewrite the Thyssens’ history.

Not until half way through the 400-page tome does he finally acknowledge that VSt was massively involved in armaments manufacture, but that, instead of perceiving this adequately, academia until now has rather viewed VSt as a mere raw iron and raw steel producer – in stark contrast to the Krupp-concern.

While it is difficult to know how to react to such obviously manipulated claims, this reviewer wonders whether it might ever occur to Dr Donges that the dimensions of previous mis-representations are such that it takes minimal intelligence to conclude that they must have been the result of intent rather than accident.

Considering that by the onset of Hitler’s dictatorship, the Thyssens, together with the German state, controlled 72,5% of VSt, and VSt’s output was three times the size of that of its biggest competitor, it was always illogical that Alfried Krupp was sentenced to prison at the Nuremberg Trials while the Thyssens got off scot-free. But for many and various reasons, explained at length in our book, they did, and there the myth of their quasi-heroic immaculacy began to be established.

It is apparent that German academia and the German media were prepared to follow this myth instead of, as we did, questioning it. In their defense they might argue that they were not able to view certain archives and that this has hampered their research. But while the Thyssen-Bornemiszas’ files have indeed been unavailable to academia until recently, for the past 53 years of their existence the ThyssenKrupp archives – officially at least (the truth is another matter) – have not been subject to such restrictions.

When at some point around 2006/7 Georg Thyssen-Bornemisza created the Thyssen Industrial History Foundation and placed in it his father’s archives (which we had previously viewed in private, first in Madrid and later in Monte Carlo), he effectively placed them under the questionable curatorship of Prof. Manfred Rasch, head archivist of ThyssenKrupp AG, and even, it seems, in the same building as the ThyssenKrupp archives in Duisburg.

This move did the extraordinary thing of symbolically uniting the files of Fritz Thyssen’s side with those of Heinrich Thyssen-Bornemisza’s side of the family; a momentous act, since it was a crucial element of the Thyssen historical myth that the two sides always pretended to have nothing to do with one another, a myth that the first three books in this series are nonetheless still trying to propagate.

Upon closer inspection of the contents lists, however, curious internal restructurings of files appear to be going on in these two archives. There are important files, which we know used to be in the archives of ThyssenKrupp, such as, surprisingly, the estate of Wilhelm Roelen (main war-time manager of Heinrich Thyssen-Bornemisza) or, unsurprisingly, the estate of Robert Ellscheid (main lawyer of Fritz and Amélie Thyssen), and which are now said to be in the new Thyssen Industrial History Foundation archives.

But what is most noticeable from the footnotes is that time and time again, when reference is made to armaments in particular, the files in question tend to allegedly have been sourced in the archives of the newly created Thyssen Industrial History Foundation, rather than the archives of ThyssenKrupp AG, giving the impression of a possible damage limitation aspect in respect of this already ailing giant of German heavy industry.

In any case, one of the few major admissions made in this book is that Fritz Thyssen’s flight from Germany to Switzerland at the onset of World War Two might have had less to do with heroic opposition to Adolf Hitler and more with the fact that he had contravened foreign exchange regulations and committed tax evasion on a massive scale, as we first revealed (though they say nothing of the other reasons for his flight, including Hitler’s humiliating accusations of self-interest).

While presenting the actual figures of Fritz Thyssen’s misdemeanours, namely 31 million Reichsmark in evaded tax plus 17 million Reichsmark Reich Flight Tax, equalling a total of 48 million RM payable to the German State, Dr Donges quickly attenuates the claim by explaining that the denazification board of 1948 did not come to the conclusion that this had played a role in Fritz Thyssen’s flight. But what he fails to mention – although another author in the same series of books does – is how any genuine Aufarbeitung by these courts stalled once the Cold War began.

It is also noticeable that the author alleges the critical tax investigation into Fritz Thyssen’s affairs to have begun in the late 1920s, when in actual fact it had started almost immediately after the end of World War One.

The book manages to reveal that the retiring Joseph Thyssen branch of the dynasty (deriving from the brother of old August Thyssen) indirectly profited from the persecution of the Jews, as the Reich paid out their 54 million RM shares in VSt after Fritz Thyssen’s flight and the confiscation of his assets, by handing them shares previously owned by Jews and taken from them as part of the Jewish Assets Levy (Judenvermögensabgabe).

But it was Fritz Thyssen, whose anti-semitism was most overt, as he was prominently involved in forcing the Jewish members Paul Silverberg, Jakob Goldschmidt, Kurt Martin Hirschland, Henry Nathan, Georg Solmssen and Ottmar E Strauss to vacate their seats on the supervisory board of VSt in 1933/4. And no matter how often in this series they will try to tell us that Fritz Thyssen “gradually denazified himself” starting in 1934 and that his anti-Semitism was not of the vicious, murderous kind, we need to remember that forcing Jews out of their jobs was the first step in their disenfranchisement and on the road to the Holocaust.

When the Simon Hirschland Bank in Essen was „aryanised“ in 1938 by a banking consortium including Deutsche Bank and Essener National-Bank AG, Fritz Thyssen bought a share of 0.5 million RM, yet his role is said to be „unclear“ and „explained unsatisfactorily by reseachers“, which is the academics’ way of sowing doubt over established facts, especially when these are detrimental to the Thyssens’ image, and especially when they have been funded by Thyssen institutions to rewrite their history.

Of course generally the all important finance and banking side of things remains as much in the dark as it was at the time in question. Dr Donges mentions anonymous holdings in Holland, Switzerland and the USA; the Reich’s camouflaging of armaments financing through Metallurgische Forschungsanstalt; and Faminta AG of Glarus, Switzerland, which he alleges to have been a foreign vessel for Thyssen & Co. rather than for Fritz Thyssen personally. He leaves US bond creditors unnamed and states that „the role of the Finance Ministry within the Third Reich has not been sufficiently studied yet“.

And while on page 28 Dr Donges admits, albeit in the most superficial of ways, that after the death of the patriarch August Thyssen in 1926, Fritz Thyssen had to relinquish “part of the VSt shares” to his brother Heinrich, he does not tell us how long this stock [not just a few shares, but an initial 55 million RM, no less, and for which Fritz received shares in the family’s Dutch bank Bank voor Handel en Scheepvaart in Rotterdam in return, which was controlled by Heinrich] might have remained under Heinrich Thyssen-Bornemisza’s ownership and whether any of it was still in his possession at the time of the confiscation of Fritz’s fortune in 1939/40 (and if so, what happened to it after this date).

Instead the author concentrates on looking at the „use of political, legal and social options to further economic success….during the Nazi period“. He concludes that „entrepreneurial advantages were to be gained from the development of the armaments enterprises“ and that „although the freedom of action was hampered through many restrictions compared to the time of the Weimar Republic, the leadership of VSt could still pursue a long-term investment strategy.“

Thus this work ends with the earth-shattering conclusion that „if one looks at the development lines of the German steel industry in the 20th century, the long-term trend was that the steel manufacturers moved towards further processing. So VSt in the 1930s would probably have chosen that way even under another political regime“.

So presumably that was the main purpose of this book; to save the image of ThyssenKrupp AG and the conscience of surviving members of the Thyssen family, who have profited, and continue to do so, from the part Vereinigte Stahlwerke AG played in the death of 80 million people as a result of World War Two.

It is very difficult to see how Dr Donges’s doctoral thesis could possibly “close the gap” in research on the subject of the history of the United Steelworks during the Nazi period, as has been the claim made at the outset of this series “Family – Enterprise – Public. Thyssen in the 20th century”.

But whether anyone outside his immediate circle of overtly Thyssen-financed researchers will now wake up from their “great unquestioning slumber” and decide to pursue a more forthcoming research on the subject remains to be seen. Academic book reviews so far (by Tobias Birken at Sehepunkte and by Tim Schanetzky at H-Soz-Kult) suggest that they will not. In any case, how dissident academics would be received when knocking on the doors of “Professor Rasch’s archives”, remains an altogether different question.

Political economist (Dr.) Alexander Donges, gaining his title by being a Thyssen academic mercenary at Mannheim University

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